Stolperstein Nr. 61: Josef Gauchel

Wer erinnert sich an Josef Gauchel ?

Foto von Josef auf dem Krankenblatt: Darüber das rote Kreuz war ein geheimes Zeichen der „Euthanasie“-Ärzte und bedeutete nach der Begutachtung der Krankenakte, dass der Patient ermordet werden sollte. Ein blauer Strich hätte Arbeitsfähigkeit und Überleben bedeutet.

Foto von Josef auf dem Krankenblatt: Darüber das rote Kreuz war ein geheimes Zeichen der „Euthanasie“-Ärzte und bedeutete nach der Begutachtung der Krankenakte, dass der Patient ermordet werden sollte. Ein blauer Strich hätte Arbeitsfähigkeit und Überleben bedeutet.

Josef Gauchel wurde am 23. Februar 1928 in Rossel bei Dattenfeld als Sohn von Josef Gauchel, Arbeiter, und Anna Gauchel geb. Becher, geboren. Der Vater stammte aus Dattenfeld und die Mutter aus Gutmannseichen.

Josef wurde katholisch getauft und zog mit seiner Familie nach Gutmannseichen. In der Schule lernte er das Lesen, Schreiben und Rechnen, war aber hinter seinen Altersgenossen etwas zurück und zeigte einen überdurchschnittlichen Bewegungsdrang sowie Unruhe. Er pflückte im Dorf manchmal für die Leute Beerenobst und verdiente sich ein Taschengeld damit.

Im Alter von 9 Jahren wurde er 1937 zur Untersuchung nach Bonn in die Rheinische Provinzial-Kinderanstalt eingewiesen. Zu seiner Vorgeschichte wurde hier von der Gemeindeschwester angegeben, er habe seit dem 5. Lebensmonat in unregelmäßigen Abständen Anfälle bekommen, die sich dann im Alter von 8 Jahren gehäuft hätten. In der Schule sollen sie täglich aufgetreten sein, sodass der Lehrer ihn aus der Schule ausgeschlossen habe. Allerdings traten sie bei einer psychologischen Untersuchung 1935 nicht auf und es wurde eine Psychopathie diagnostiziert.  Der Vater dagegen erinnert sich nur an Magenkrämpfe, als er später, im Jahr 1954 beim Amt für Wiedergutmachung des Siegkreises beklagt, dass das Naziregime dem Leben seines Sohnes ein Ende gemacht hat.

Die häuslichen Verhältnisse wurden von der Gemeindeschwester als ungünstig beurteilt, zumal die Mutter klage, dass durch die Nachbarschaft dauernd Beschwerden bei ihr eingingen, „die empfindliche Streiche und Belästigungen durch den Jungen zum Gegenstand haben.“ Daher wurde er „zur Beurteilung seiner Erziehbarkeit im Rahmen der Fürsorgeerziehung gegebenenfalls auch zum Zweck der Unterbringung in einer Epileptikeranstalt hier (in Bonn) eingewiesen“.

Beim Intelligenztest in der Klinik wurde der Junge zur „Geschichte“ gefragt: „Wer ist Adolf Hitler?“ Josef antwortete auf Platt: „Noch nie gehört. Wat is dat denn?“ Auf die Frage: „Was ist denn die SA?“ die Antwort: „Ein S und ein A.“  Dann folgte die Frage: „Was ist denn die Hitlerjugend?“ und die Antwort war: „Wat ist dat denn, sind dat Kinder?“ Die Antworten des Jungen, der immerhin schon lesen und rechnen konnte, lassen vermuten, dass Hitler in Josefs Familie kein Thema war und die Kinder nicht zu seiner Verehrung angehalten wurden.

Josef verbrachte die Zeit vom 26. November 1937 bis zum 9. Januar 1938 in der Provinzial-Kinderanstalt in Bonn und wurde anschließend auf Empfehlung des leitenden Arztes in Essen in einer Schwachsinnigenanstalt untergebracht, da eine Unterbringung in einer Erziehungsanstalt als völlig aussichtslos abzulehnen sei. Dagegen wehrte sich der Vater, er holte nach 8 Wochen sein Kind nach Hause, da ihm Essen zu weit weg war und da er seinen Sohn öfter besuchen können wollte. Er schrieb, dass er sein Kind nicht in die Welt schicken wolle, um sich dann nicht mehr darum zu kümmern. Ein Zeitzeuge, ein damaliger Nachbarsjunge, berichtet von einer starken Verbesserung des Verhaltens von Josef nach dem Aufenthalt in der Anstalt, z.B. dass er jetzt die Erwachsenen mit „Sie“ und nicht mit „du“ anredete und überhaupt besser sprach. Zu Hause konnte er mit kleinen Handreichungen helfen.

Der behandelnde Landarzt und Parteigänger der NSDAP aus Herchen sollte sich dann auf Bitten der Klinik mit dieser in Verbindung setzen.

Am 11. Juni 1942 wurde Josef erneut nach Bonn eingewiesen und bald von dort am 5. Oktober 1942 in das St. Josefshaus in Hardt bei Mönchengladbach verlegt. Im „Zusatzbericht“ des Bonner leitenden Arztes Dr. Schmidt vom 5. Oktober 1943 ist von einer starken Verschlechterung des psychischen Befundes die Rede und er schließt mit dem später als Todesurteil zu interpretierenden fatalen Satz „Eine arbeitsmäßige Verwendung dürfte nur in ganz beschränktem Masse möglich sein.“

In Hardt musste Josef bleiben, bis er am 17. Mai 1943 im Zuge der geheimen dezentralen „Euthanasie“ der Nationalsozialisten, genannt „Aktion Brandt“, in die zur Tötungsanstalt umfunktionierte Heil- und Pflegeanstalt in Niedernhart bei Linz/ jetzt Österreich weit von der Heimat weg verlegt und dort am 31. Juni 1943 getötet wurde. Laut Angaben des Arztes starb er angeblich in einem epileptischen Anfall. Quelle: „Verzeichnis des Bestandes  ‚Wagner-Jauregg-Krankenhaus’  (Niedernhart) aus dem Hauptbuch X“ im Oberösterreichischen Landesarchiv.

Jedoch ist bekannt, dass hier untergebrachte Menschen durch Kürzung der Essensrationen geschwächt wurden, damit sie leichter getötet werden konnten. „Die Tötungen durch Überdosierung von Barbituraten wurden zuerst durch orale, später durch intravenöse Verabreichung vorgenommen. An den Morden waren außer Lonauer (Arzt) noch einige Pflegerinnen beteiligt. Einer von ihnen gab nach der Befreiung 1945 an: ‚…Dr. Lonauer kam öfters und verabreichte den Kranken Injektionen, die nach einer viertel Stunde den Tod herbeiführten, … anderen Kranken mussten bestimmte Medikamente (Luminaltabletten) verabfolgt werden, solche behandelte Kranke starben meist erst in einigen Tagen…’“ (Zit. Florian Schwanninger: Gau Heil- und Pflegeanstalt für Geisteskranke Niedernhart  S. 165ff. in: Waltraud Häupl: Der organisierte Massenmord an Kindern und Jugendlichen in der Ostmark 1940 – 1945. Gedenkdokumentation für die Opfer der NS-Euthanasie. Wien. Köln. Weimar 2008.)

„Die größte …Ermordungswelle von Kindern und Jugendlichen in Niedernhart setzte nach der Ankunft der Transporte aus dem ‚Josefshaus’ in Hardt (Mönchengladbach) ein.

Am 18. und 19. Mai 1943 wurden 94 Buben bzw. junge Männer im Durchschnittsalter von 12 Jahren in die Anstalt Niedernhart transferiert. Diese Transporte dokumentieren eine der grausamsten Ermordungswellen Niedernharts, da innerhalb weniger Wochen der Großteil der Kinder und Jugendlichen in der Anstalt getötet wurde…“ ( Zit. Florian Schwanninger: Der Kindertransport von Hardt. Ebd. S. 168 ff.).

Im gleichen Transport kam auch Bertram Bödefeld, geb. in Eitorf am 6. Oktober 1937, nach Niedernhart und wurde dort im Alter von 6 Jahren am 1. Juni 1943 getötet, einen Tag nach Josef Gauchel.

(Text: Annemarie Röhrig, weitere Quellen: Zeitzeugen, LVR-Archiv, St. Josefshaus Mönchengladbach, Archiv Rhein-Sieg-Kreis)

Für Josef Gauchel wurde der 61. Stolperstein in Windeck von Gunter Demnig am 11. März 2016, ca. um 15:50 Uhr, in Gutmannseichen vor seinem letzten freiwilligen Wohnort verlegt.